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Die Sächsische Zeitung schrieb :

Stehen Sie gut im Saft dieses Jahr, Herr Linke?

Die Schlange weist den Weg. Autos mit Hänger und ohne, alte Autos, teure Autos, Kombies, Limousinen, Geländewagen. Alle hängen hinten ein wenig durch. Öffnen sich ersmal die Kofferklappen, dann kommen Säcke und Eimer, Kisten und Körbe zum Vorschein. Voller Äpfel. René Linke hat die Schlange im Blick. Oben vom Büro aus. Alle paar Minuten klingelt das Telefon. Wie lang die Schlange sei? Eine halbe Stunde, sagt René Linke, und es klingt ermutigend. An manchen Tagen sind es nämlich auch 2 Stunden. Ein kräftiger Wind, wie er gerade durch die Oberlausitz bläst, und die Früchte fallen reif vom Baum. Es ist Hochsaison für Äpfel. Und damit ist auch Hochsaison für die Kelterei Linke im Gewerbegebiet in Neugersdorf.

70 bis 80 Tonnen Äpfel kollern jetzt täglich auf das Förderband. Die sind noch gar nicht ausgerollt, da verschwinden sie schon in der Halle, werden gewaschen, wandern in die Mühle, wo sie zu Apfelbrei zerschreddert werden und fließen in die Presse. Und während draußen der letzte Sack aus dem Kofferraum gehieft wird, strömt drinnen schon der frische Saft aus den ersten Früchten. Der wird noch filtriert und pasteurisiert, und fertig ist Linkes Apfelsaft - täglich bis zu 50.000 Liter. Frischer geht es nicht.

Die Kelterei ist ein Familienbetrieb. Vor 2 Jahren haben René und sein Bruder Ronny das Geschäft vom Vater übernommen. Der eine führt das Büro, der andere die Produktion. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm. René Linke ist dafür zurück gekommen in seine oberlausitzer Heimat. Als junger Mann, kurz vor der Wende, türmte er über Ungarn in den Westen. In Bayern arbeitete er in der Branche, machte seinen Industriemeister Fruchtsaft und Getränke. Wertvolle Kontakte hat der 35-jährige gewonnen in dieser Zeit. Aber auch etwas verloren. Sein rollendes R. Der Oberlausitzer und der bayerische Dialekt haben sich zu einer Art Hochdeutsch vereinigt.

Die jungen Linkes haben investiert. Neue Hallen, neues Tanklager, neue Presse. "Wir sind kein Krauter mehr, wie man am Druck der Banken spürt", sagt Linke. Er ist ein sachlicher Typ, aber etwas Stolz schwingt mit. 5 fest Angestellte hat das Familienunternehmen. Das Verfahren ist trotzdem traditionell. Die Großindustrie dagegen verflüssig mittels Enzymen kurzerhand die zerkleinerten Früchte. Linke hat auch keine Silos, in denen die Früchte unbesehen verschwinden. Er verarbeitet frische Ware. Die Annahme über das Förderband - freilich sei die "vorsintflutlich", sagt er. Sie führt zu Warterei. Doch sie hat einen großen Vorteil: "Wir sehen jeden Apfel noch einmal, bevor er gepresst wird." Manche sind ja fasst zu Schade zum Entsaften. "Mutter sortiert immer mal welche aus, zum Essen", sagt René Linke. Aber faule Früchte stören. Die werden rausgenommen. Saure Äpfel natürlich nicht. Deren Saft lässt sich allerdings nicht einfach auf Flaschen ziehen. "Im September haben die Früchte einfach nicht genug Sonne bekommen. Wir mischen deren Saft mit dem von süssen Oktober-Äpfeln. Das Verhältnis von Säure zu Süsse muss stimmen." Dank neuer 30.000-Liter-Tanks statt der alten 3.000-Liter-Behälter kann Linke die Chargen besser verschneiden - die Qualität ausgeglichener gestalten. Aber anders als in der Industrie ist bei ihm Saft eben nicht Saft - einen feinen Unterschied der Jahrgänge schmeckt man. Ein Naturprodukt eben.

Dieses Apfeljahr ist so gut, das er nicht zukaufen braucht. Die Früchte stammen alle aus Gärten, von Streuobstwiesen oder Chausseen aus der Oberlausitz. Derzeit läuft auch die Birnenernte - 10 Tonnen kommen täglich -, und dann werden noch die Quitten reif. Sie läuten das Ende des Obstjahres ein. Im Frühsommer beginnt es mit Rhabarber, dann folgen die Johannis- und Stachelbeeren und die Sauerkirschen. 36 verschiedene Säfte und Nektare hat die Kelterei im Angebot. Über 1,5 Millionen Flaschen werden jährlich abgefüllt, etwa die Hälfte gleich für den Kunden, die andere für Großhandel und Gastronomie. "Der Trend", sagt René Linke, "geht eindeutig zu 100%igem Saft." Er könnte zufrieden sein - sieht aber ein Problem: "Unsere Kundschaft überaltert". Junge Leute pflanzen heute statt Obstgärten und Stachelbeersträuchern lieber Thujahecken und sähen englischen Rasen.

Freilich, Obst muss man erst einmal ernten, nach Fallobst muss man sich bücken. Der Lohn der Plackerei: Bei Linke bekommt der Kunde für 100 Kilo Äpfel 86 Flaschen Apfelsaft á 0,7 Liter zu 41 Cent die Flasche. Dieses Mengenverhältnis ist in Deutschland sogar per Verordnung geregelt. Die meißten wollen Apfelsaft, aber auch Birne- Orange oder Guaven-Nektar kann der Kunde eintauschen oder kaufen. Guaven und Orangen kommen natürlich nicht aus der Oberlausitz - deren Saft kauft René Linke als Konzentrat zum Weiterverarbeiten ein. Er selbst mag vor Allem Mango und Pfirsich-Nektar. Aber auch einen Saft, den er ausnahmsweise nicht selbst herstellt. Den aus Gerste.

Frank Tausch

 

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